Die närrische Modistin

Anna Leutze bewohnte in unserem Vorderhaus Hochparterre zwei große Zimmer, einstmals Büroräume, mit den Fenstern zur Straße. In ihnen herrschte eine kaum vorstellbare Unordnung. In dem einen Zimmer waren Tische und Stühle, Bett, Frisierkommode und Vertiko mit Wäsche, Hausrat und Kleidern belegt. Wenn sie mal ein Plätzchen zum Sitzen oder zum Essen brauchte, schob sie den ganzen Kram einfach zusammen. Sie verdiente ihr Geld damit, daß sie allen möglichen Tand auf Damenhüte nähte, Stoffblumen, künstliche und echte Federn, ausgestopfte und nachgemachte Vögel, Pailletten aller Größen und Farben und noch vieles andere, was sie in dem zweiten Zimmer, ihrem Arbeitsraum, in Dutzenden von Schuhkartons, die Schränke und Regale füllten, aufbewahrte. Im Auftrag einiger Frankfurter Hutgeschäfte machte sie daraus Frühlings-, Sommer- und Herbstarrangements. Überall auf dem Fußboden standen die Hutkartons herum.

Anna Leutze war eine hagere, häßliche Frau, ihr Alter war schwer zu schätzen, vielleicht war sie vierzig, vielleicht fünfzig Jahre alt. Und sie war ein wenig verrückt. Diese Verrücktheit verband sich mit einer übertriebenen Zuneigung zu Kindern. Sie zog sich selbstgeschneiderte Kleider an, mit Vorliebe aus schwarzem Spitzenstoff, auf die sie große bunte Blumen genäht hatte, setzte sich den größten Hut ihrer Kollektion auf mit ausladenden Pleureusen in Süßlila und ging nie ohne einen rüschenbesetzten Sonnenschirm aus dem Haus. Auffällig war auch ihr tänzelnder Gang. Sie machte ganz kleine Schritte und bewegte den Oberkörper geziert nach links und rechts, wie wenn ein Mann die Gehbewegungen einer Frau nachmacht. Rief einer von uns Buben ihr in einem bestimmten Singsang »Anna Anna Leutze« nach, dann spannte sie ihren Sonnenschirm auf, nahm ihn mit zwei Händen über die Schulter, lächelte dem Kind neckisch zu und verstärkte ihre Tänzelschritte.

Ihr Wohnzimmer mit der phantastischen Unordnung war Treffpunkt aller Kinder unseres Hauses. In Anna Leutzes Zimmer hielten sich ständig fünf, sechs Kinder auf, die machen durften, was sie wollten. Wir spielten am liebsten Verstecken in Schränken, in der Kommode oder unterm Bett, und sie schimpfte nur freundlich, wenn wir in ihr Arbeitszimmer wollten, denn sie hatte täglich eine bestimmte Anzahl Hüte anzufertigen und mußte sich sputen. Oft spielten wir auch Theater und benutzten dazu ihre Kleider. Auch dagegen hatte sie nichts. Ab und zu kam sie zu uns herüber, um uns zu ermahnen, nicht so laut zu sein, damit sich die Nachbarn nicht beschwerten, oder um uns Kekse und ein Glas Himbeerwasser zu bringen.

Auch sonst zeigte sich ihre merkwürdige Schwäche für Kinder. So ging sie an keinem Kinderwagen vorbei, ohne sich hinunterzubeugen, mit dem Säugling zu schäkern und dann der Mutter einige Worte des Entzückens über das Kleine zu sagen. Wenn sie sah, wie ein Kind geschlagen wurde, mischte sie sich grundsätzlich immer ein und machte den Großen heftige Vorwürfe.

So war sie, närrisch, lieb und harmlos. Viele Jahre lebte sie friedlich unter uns, bis einer der Burschen aus der Kaiserhofclique entdeckte, daß man an der Straßenfront des Hauses über einen Absatz in ihr Fenster klettern konnte. Von da an hockten immer einige aus der Clique in ihrem Zimmer herum oder saßen auf der Fensterbank und ließen die Beine nach draußen baumeln. Sie war machtlos dagegen und mußte die Burschen gewähren lassen. Jetzt wurde in Anna Leutzes Wohnzimmer nicht mehr Krankenhaus oder Schule, Verstecken oder Theater gespielt, jetzt wurden böse Streiche ausgeheckt und Straßenkämpfe gegen die Meisengassenclique beraten.

 

Auch ich gehörte zur Kaiserhofclique, obwohl ich jünger als die andern war und außerdem klein, schmächtig und verängstigt. Ich prügelte mich nicht, wurde immer nur von den Jungen der Meisengassen- oder Hochstraßenclique verprügelt, wenn sie mich erwischten. Die Prügel bekam ich, weil ich der Kaiserhofclique angehörte. Sie taten mir aber auch Schlimmeres an. Eines Tages beispielsweise schnappten mich zwei von der Meisengassenclique und zwangen mich, mit in die Zwingergasse zu gehen. Ganz hinten, wo einige alte Schubkarren standen und uns niemand sehen konnte, drehte mir einer beide Arme nach hinten. Der andere knöpfte sich in aller Ruhe den Hosenlatz auf, holte seinen Pimmel heraus und pißte mir gegen die Beine. Die beiden Meisengässer wollten sich totlachen, als ich betröppelt und weinend abzog.

Ich vermute, die Großen hatten mich nur darum in die Kaiserhofclique aufgenommen, um jemanden zu haben, den sie herumkommandieren und auf dessen Kosten sie sich lustig machen konnten. Ich empfand deutlich das Entwürdigende ihrer Spaße mit mir, war aber nicht imstande, mich dem zu entziehen, denn aus der Clique konnte man nicht freiwillig austreten, man konnte nur ausgestoßen werden.

Die Jungen von der Clique - Holle, Schorschi, Hans, Paul und wie sie alle hießen - waren nicht böse, sie langweilten sich einfach. Ihre Eltern, meist Geschäftsleute mit dem Kopf voller Sorgen um den täglichen Umsatz, hatten nie Zeit für sie. Oder sie kamen aus den dunklen Hinterhäusern mit zu vielen Menschen auf zu kleinem Raum und waren um jede Stunde froh, die sie aus diesem Zuhause flüchten konnten.

 

Alles Gezeter, alle Verbote der närrischen Modistin halfen nichts, die Burschen kamen trotzdem, und sie kamen grundsätzlich nur noch durchs Fenster. Wenn Anna Leutze einmal gar zu sehr schimpfte, drängte man sie kurzerhand in ihr Arbeitszimmer, schloß es ab und schüchterte sie zudem noch mit wilden Drohungen ein. Die Clique trieb es immer ärger, und eines Tages kam irgendwer auf die Idee, im Zimmer ein Lagerfeuer zu machen. Einer holte ein Küchenblech aus dem Herd, ein anderer brachte Papier und Holz, und dann machten sie auf dem Blech ein »Feuerchen«.

Anna Leutze stürzte aus ihrem Arbeitsraum, schrie wie eine Besessene, nahm einen Handfeger und schlug auf die Burschen ein. Die rannten lachend davon und entwischten durchs Fenster. Nur einer, der nicht schnell genug war, bekam noch einige Schläge mit dem Handfeger auf den Rücken und verstauchte sich beim Hinunterspringen auf die Straße den Fuß. Im Davonhumpeln schrie er, daß es in der ganzen Nachbarschaft zu hören war: »Die Alte ist übergeschnappt! Die Alte ist übergeschnappt!«

Die Hausbewohner, die keine Ahnung hatten, was in der Wohnung vorgefallen war, glaubten, Anna Leutze sei nun ganz verrückt geworden, und jemand verständigte die Polizei. Kurze Zeit später erschienen zwei Beamte vom nahen Revier. Anna Leutze hatte mittlerweile, in großer Erregung mit sich selbst redend und die Burschen verfluchend, das Feuer gelöscht. Sie holte eben vom Treppenflur einen Eimer Wasser, denn sie hatte in der Wohnung keinen eigenen Wasseranschluß. Die Polizisten klopften an ihre Tür und verlangten Einlaß. Sie schrie: »Niemand kommt mir rein! Niemand!« Doch die Polizisten drückten mit Gewalt die Tür auf. Anna Leutze schüttete ihnen den Eimer Wasser entgegen. Da verzichteten die beiden auf ein Protokoll und zogen sich zurück.

 

Vor unserem Haus war es zu einem Menschenauflauf gekommen. Ich stand mitten in der Menge. Warum ich draußen und nicht bei der Clique im Zimmer war, daran erinnere ich mich nicht mehr, aber das tragische Geschehen selbst ist mir in vielen Einzelheiten vor Augen. Deutlich sehe ich Anna Leutze vor mir, wie sie noch einmal mit aufgelösten Haaren und einem vor Entsetzen geweiteten Blick ans Fenster trat, sich hinausbeugte, irgend etwas Unverständliches zu den Menschen auf der Straße sagte, dann das Fenster schloß und die Vorhänge zuzog.

Keiner der Draußenstehenden, so schien es mir, wußte recht, was da eigentlich vorging. Die wildesten Gerüchte kamen auf. Es hieß, die verrückte Modistin habe zwei Kinder eingesperrt, in einem Holzverschlag, wie die Hexe bei Hansel und Gretel. Andere meinten, sie wolle sie möglicherweise umbringen. Schließlich hieß es, sie habe sie bestimmt schon umgebracht. Dazwischen hörte man Mütter ängstlich nach ihren Kindern rufen.

»Man kann doch nicht zusehen, wie eine Verrückte Kinder umbringt«, sagte jemand, »man muß etwas tun.«

»Man muß die Kinder retten!« rief eine Frau.

Ein Mann fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. »Holt doch die Hexe aus ihrem Loch heraus!«

Die Menge wurde unruhig und drängte in die Toreinfahrt. Ein Stein flog gegen das Fenster. Nur noch wenige Minuten, und die aufgebrachte Menge würde in Anna Leutzes Wohnung eindringen.

Im letzten Augenblick kam mit lautem Hupen ein Krankenwagen angefahren und hielt vor unserem Haus. Er kam aus der Nervenklinik Niederrad, und zwei Wärter waren mitgekommen. Auch die beiden Polizisten tauchten wieder auf. Zu viert drangen sie in die Wohnung ein. Unter ihrem Bett, so sagten später Hausbewohner, hätte man Anna Leutze entdeckt. Die Wärter kamen heraus, holten eine Krankenbahre und verschwanden wieder im Haus. Nach dem schrillen Geschrei und dem Gepolter zu urteilen, muß sich Anna Leutze verzweifelt gewehrt haben. Als man sie eine Weile später, auf die Bahre geschnallt, durch die gaffende Menge trug, hatte man ihr einen Mantel über den Kopf gelegt.

Anna Leutze kam nicht mehr zurück, und niemand im Haus hat je wieder von ihr gehört.

 

 

Kaiserhof Strasse 12
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